Sira – wie sie zu uns kam.

© Irene Wolfinger-Brosch

Es war der 7. September 2012. Ein warmer, sonniger Freitagnachmittag. Man könnte fast sagen ein Sommertag. Ich entschied mich nicht die 5 Stationen mit dem Bus zu fahren, sondern den Nachmittag zu genießen und zu Fuß nach Hause zu gehen. Fast schon am letzten Stück des Weges musste ich an einer roten Ampel stehen bleiben. Neben mir stand plötzlich eine junge Frau mit einem süßen kleinen Hund am Arm. Die junge Frau fragte mich wo die nächste Polizeistation ist. Ich erklärte ihr den Weg und fragte sie wiederum nach dem kleinen Bündel auf ihrem Arm, ob sie oder er schon so müde vom Spazieren gehen ist. Da brodelte es aus ihr nur so heraus. Dass es ein Mädchen ist und der Grund ist, warum sie die nächste Polizeistation sucht, weil sie sie dort abgeben will.

Sie hat die Kleine gerade vorhin einem Obdachlosen um 50 Euro abgekauft. Sie und eine weitere Dame sind auf die Kleine aufmerksam geworden, weil das kleine Bündel so apathisch neben dem Obdachlosen gelegen ist. Sie haben ihr schon versucht Wasser zu geben und die andere Dame hatte zufälligerweise gerade Katzenfutter gekauft, welches sie der Kleinen auch anboten. Dann haben sie sogar die Tierrettung angerufen, die nicht kommen wollte, also hat sie mit dem Obdachlosen ausverhandelt und ihm schließlich 50 Euro bezahlt und die Kleine mitgenommen. Jetzt ist sie aber ganz verzweifelt, weil sie Künstlerin ist, am Abend einen Auftritt hat und nicht selbst ins Tierheim fahren kann. Deswegen sucht sie nun die nächste Polizei. Und… ob ich nicht die Kleine haben möchte, sie schenkt sie mir. Hauptsache ist, es kümmert sich jemand um sie.

Mir gingen 1.000 Dinge durch den Kopf, was gefühlt eine Ewigkeit dauerte. Hängen blieb dann, dass mein Mann und ich schon oft über den Wunsch sprachen. Immer wieder aber der Verstand sagte, 3 Katzen in einer 70 qm Wohnung sind ausreichend. Ein Hund wäre in der Stadt ja arm. In diesem Moment auf der Straße schaltete ich dann bewusst den Verstand aus und hörte auf dieses Gefühl aus dem Bauch, welches sagte, ich kann es nicht zulassen. Vor allem, ich will nicht, dass dieses kleine Mädchen jetzt noch weitergereicht werden soll, zur Polizei, ins Tierheim, dort warten auf jemanden der sie aufnimmt. Hunderte Bilder zogen innerhalb Sekunden an meinen Augen vorbei. Diese Bilder schaltete ich dann mit den Worten, „Ok ich nehme sie!“, ab.

Diese ganze Situation dauerte genau einen Häuserblock lang, den wir nebeneinander zu Fuß zurücklegten. Und schon war der kleine Zwerg auf meinem Arm. Ich ging gar nicht erst nach Hause, sondern drehte mich sofort um und ging mit ihr in die Tierklinik. Dort angelangt war ich vor lauter Aufregung fast schweißgebadet. Sie war ganz schlecht beisammen. Dehydriert, Fieber, Flöhe… Am Untersuchungstisch lag sie nur auf der Seite und hatte keine Kraft aufzustehen. Die Ärzte kümmerten sich ganz rührend um sie und sie bekam das volle Programm. Flüssigkeit, Vitamine, Antibiotika. Mit der Notfalltelefonnummer ausgestattet, der Wiederbestellung und ohne Bargeld (ich hatte nämlich noch genau den Betrag in der Geldbörse, den ich in der Tierklinik zahlen musste) gingen wir nach Hause. Ich wollte dann nicht noch den ganzen Weg zu Fuß nach Hause gehen und nahm den Bus. Vor lauter Aufregung passte ich nicht auf und stieg dann noch in den falschen Bus ein. Bei der nächsten Station erwischte ich dann Gott-sei-Dank ein Taxi mit einem Taxilenker, der uns auch ohne Geld mitnahm und bei einem Bankomaten stehen blieb, damit ich abheben und ihm die Fahrt bezahlen konnte.

Zu Hause angekommen, legte ich die Kleine auf den Katzenpolster in der Küche. Da konnte sie schön ausgestreckt auf der Seite liegen. Ich stellte sofort frisches Wasser und eine Dose Katzenfutter (hatte ja sonst nichts anderes) bereit. Meine 3 Tiger bekamen das zuerst gar nicht mit. Erst als ich mich auf den Boden zur Kleinen setzte und sie streichelte und ihr noch 2-3 Flöhe vom Bauch zupfte. Früher war das für mich ein absolutes No-Go. Igitt, was hatte mich für Ekel vor Flöhen und Zecken geschüttelt. Aber hier war es selbstverständlich und gar nicht grauslich. Ich ließ sie dann aber alleine, damit sie sich ihren Vitaminrausch aus- und ihr Fieber wegschlafen konnte.

Die Futter-Schüsseln der 3 Tiger wurden jetzt halt mal vor der Küchentür geparkt. Jetzt erst haben sie mitbekommen, oh-ho da ist was anders. Oh-ho da ist noch jemand. Meine 2 Älteren wissen ja schon, dass die Küche da so eine Art Quarantäne-Raum ist, wo sehr interessante Dinge vor sich gehen. Hatten wir ja schon mal so, als der zugelaufene Happy bei uns eingezogen ist. So sind sie halt zu dritt vor der Küchentür gesessen und haben versucht einen Blick zu erhaschen.

Jetzt war es dann soweit, mal meinen Mann anzurufen. Der war ja noch im Dienst und wusste noch nichts. Nachdem die Anspannung nachließ, rief ich ihn an und erzählte ihm unter Tränen die ganze Geschichte. Und seine Reaktion drauf war einfach sensationell. Er sagte nur ganz ruhig… „O.K., dann haben wir jetzt einen Hund.“ Er suchte dann den Namen aus… Sira… unser Stern…

Sira erholte sich gut. Nach dem Schläfchen trank sie schon und busselte uns die Zehen ab. Gleich am nächsten Morgen war Martin einkaufen für das kleine Mädchen. Futter, Kekse, Bett, Spielzeug. Als erstes nahm sie die “Chicken Hühnchenhanteln” an und verdrückte mal ein paar. Am 3. Tag endlich hat sie dann zum ersten Mal normal gegessen. Das blieb ihr sozusagen auch irgendwie. Wenn wir in den Urlaub fahren, dann mag sie die ersten 2 Tage auch kaum etwas essen, außer die “Chicken Hühnchenhanteln”, die gehen immer.

Der Arzt am Sonntag in der Tierklink meinte, es stand an der Kippe mit ihr, wir haben es in anderen Fällen schon anders ausgehen sehen.
Mittlerweile ist aus unserem kleinen Mädchen eine junge Lady geworden. Sie ist jetzt seit 3 Jahren unser Sonnenschein und versucht jeden Tag mit ihrem Charme neue Menschen und neue Tierfreunde für sich zu überzeugen. Und weder ich, noch meinem Mann sind Gedanken in den Sinn gekommen, es jemals bereut zu haben.

Sira

 

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