Linus, blind. Suchte ein zu Hause.

© Alexandra Wischall-Wagner

Als ich Linus das erste Mal sah, lächelte er mich schielend aus dem Computer an. Sein Bild mit den Worten „Linus (blind) sucht ein zu Hause“ kombiniert, hat sofort mitten in mein Herz getroffen. Für mich war sofort klar, dass dieses graue Haarbalg mich (und meine beiden anderen Hunde) ab nun überall hin begleiten würde. Viele Fragen tauchten auf. Kann ich einem Weimaraner gerecht werden ohne jagdliche Führung? Wird er bei uns glücklich? Was sagen die anderen Hunde? Wird sich das alles finanziell ausgehen?

Natürlich habe ich mich auch gefragt, warum der kleine Mann bereits im zarten Alter von vier Monaten blind ist. Die genaue Ursache wird man wohl nie erfahren. Bei seinen Vorbesitzern erlitt er im Alter von drei Monaten einen undefinierten Unfall, bei dem ein Auge aus der Augenhöhle trat. Da die Familie für Linus in diesem Zustand keine Verwendung mehr „sah“, sollte er eingeschläfert werden. Zwei Tierärzte wurden konsultiert, um ihm die tödliche Spritze zu verabreichen. Wir sind diesen beiden Tierärzten zu tiefst dankbar, dass sie diesen Schritt abgelehnt haben. Noch viel mehr danken wir einer Dame, die das kleine Häufchen Elend im Wartezimmer des Arztes entdeckte. Als sie hörte, dass er getötet werden sollte, handelte sie sofort und redete so lange auf den ehemaligen Besitzer von Linus ein, bis er ihr den Hund überließ. So kam Linus danach in die Vermittlung und zu seiner wundervollen Pflegestelle, die ihn so rührend umsorgte bis er sein „für immer Zuhause“ fand. Auch ihr wollen wir – wie schon so viele Male zuvor – nochmals danken.

Der „kleine“ Graue lebt nun seit einem Jahr in unserer Familie. Viele Tiefen mussten überstanden werden, denn Linus‘ Immunsystem ist nach wie vor nicht ganz gesund. Seit Linus bei uns lebt, machen seine Augen wieder Fortschritte. Ein Auge ist zwar zur Gänze tot, aber das andere dürfte wieder beginnen zu funktionieren. Die Ärzte meinen, dass er auf diesem zumindest Schatten erkennen könnte. Natürlich freue ich mich über dieses „Wunder“, mir ist jedoch ganz gleich, ob er viel, wenig oder gar nicht sieht. Ich bin mir sicher, mein kleiner Grauer sieht mit seinem Herzen ganz ausgezeichnet.

Alles in allem kann ich sagen, dass ich meinen Seelenhund gefunden habe. Mir scheint, dass er diesen (auch schmerzlichen) Umweg hat gehen müssen, um zu mir zu gelangen. Stets an meiner Seite hüpft mein Herz vor Freude, wenn er mich mit seinem leicht schiefen Blick anlächelt. Er vermittelt so viel Freude – jeden Tag, jede Sekunde. Ich möchte keinen erlebten Moment mit ihm missen und freue mich auf viele gemeinsame Stunden, Tage und Jahre.

Linus

 

comments (1)

  • Bardhi

    TOP! Einer der besten Hundegeschichten die ich bisher lesen durfte. Auch wenn es weniger eine “Geschichte” ist, sondern – leider – die Wahrheit. Schön, dass sich da zwei gefunden haben.

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