Seelenhunde und Hundeseelen

© Brigitta Pertschy

Der Blick von „Sophie“ traf mich völlig unvorbereitet. Nichts deutete vorher darauf hin. Und dann – einfach so – im Garten war es. Sophie stand am Zaun, drehte sich um und schaute mich völlig ruhig an. Der Ausdruck in ihren Augen traf mich mitten ins Herz. Sophie war müde geworden. Sie konnte mich nicht mehr beschützen. Und sie machte sich Sorgen. Was würde aus ihrem „blonden Schaf“ werden, wenn sie mal nicht mehr wäre.

Meine Gedanken rasten, wie – wenn sie mal nicht mehr wäre? Sie ist doch erst ins Haus gekommen, dieses kleine Bündelchen kaukasischer Schäferhund-Irgendwas! Ich sehe sie deutlich vor mir, keine 6 Wochen war sie alt als ich sie das erste Mal in meinen Händen gehalten habe. Gerettet in der letzten Sekunde, ein Mann wollte sie und ihren Bruder in Ungarn in der Donau ertränken. Eine liebe Freundin von uns hatte das verhindert und mir die Welpen gebracht. Das war vorgestern, oder?

Und schlagartig wurde mir bewusst: Sophie hat recht. Sie ist alt geworden. 13 Jahre sind „vorgestern“ mittlerweile. Und in keinem Augenblick dieser Zeit ist Sophie von meiner Seite gewichen. Wenn ich nicht da war, hat sie nichts gefressen und gewartet und gewartet und gewartet. Als guter Herdenschutzhund sorgte sie sich um ihre Nachfolge. Sie war erleichtert, endlich hatte ich verstanden. Sie hatte doch noch so viel zu zeigen, zu erklären bevor sie ……ich durfte nicht darüber nachdenken.

Also machte ich mich daran, eine würdigere Nachfolgerin zu finden. Was ja nicht so leicht ist, wenn man sich vor Augen hält, gerade den Seelenhund zu verlieren. Loslassen zu müssen. Ehrlich, die Ansprüche die ich so spontan hatte, konnten nicht einmal 8 Hunde erfüllen. Also zurück zum Start und nachgedacht: Farbe, Größe, (Geschlecht war klar, Hündin, da wir einen Labradorrüden haben), Felllänge, Wesen, Temperament. Und auf einmal taucht ein Wunsch aus meiner Jugend auf: ein Hovawart. Ein Hovawart-Mädchen sollte es sein. Fast 30 Jahre sollte es dauern, bis mein Traum in Erfüllung geht. Nun war es soweit.

Damit begann das Abenteuer Internet. Was hatte sich in Bezug auf den Hovawart allgemein (Gesundheit, Aussehen, etc.) die letzten Jahrzehnte geändert? Wie und wo finde ich die Züchterin/den Züchter meines Vertrauens? Eine Flut von Informationen strömte auf mich herein. Ein Club da, ein Verein dort. Ein megasüßer Welpe hier, eine Wurfankündigung dort. Ich habe bewusst nicht nur in der Nähe bei uns hier gesucht, denn schließlich ist doch die Entfernung auf 14 oder 15 Jahre gerechnet eher nebulös.

Irgendwann sah ich eine sehr entzückende, glänzende Nase. Und surfte weiter. Surfte zurück und wieder hin. Und wieder weg. Ich bzw. Sophie wollte ja schließlich jetzt ihre Nachfolgerin einschulen. Da nutze uns ein Wurf in einiger Zeit nichts. Und nochmals hingesurft.

Schlussendlich werden wir alle nicht begründen können, was unsere Psyche genau in diesem Augenblick mit uns macht, aber „Zara“ hat es bei mir ziemlich gut hingekriegt. Die für mich wichtigen Kriterien, Transparenz bezüglich Untersuchungen der Elterntiere, Vorfahren, das Kennenlernen können von „Mami und Papi“, usw. unseres zukünftigen Familienmitgliedes sind erfüllt. Also habe ich uns mal bei der Züchterin mittels Email vorgestellt. Schließlich möchte sie ja wissen, wo eine ihrer Kleinen hinkommen soll. Ein reger Emailwechsel folgte, die Chemie zwischen uns passte und Vertrauen war da.

Ich glaube, ich hätte jeden Sprintwettbewerb gewonnen, als am 21. August 2011 um 21.30 Uhr mein Telefon läutete. „Ja, Zara und den Kleinen geht es gut und es ist eine schwarze Hündin für Euch dabei.“ Lachen und Weinen war da bei mir Eins. In diesem Augenblick wusste ich, nichts wird so sein wie es einmal war. Sophie würde irgendwann nicht mehr da sein. Und ein kleines, schwarzes Fellknäuel wird mein Herz frisch erobern.

Ein paar Wochen später machten wir uns mit Einstein, unseren Labrador auf den Weg um die Welpen kennenzulernen. Sophie blieb hier. Ich wollte ihr die weite Reise nicht mehr zumuten. Mir war es lieber, sie verliert nicht zu viel Energie. In Dahlewitz sind wir schlichtweg bei Freunden angekommen. Die kleine „Diva vom Wintersteiner Hofgarten“ hat ihren Geschwistern auch gleich klargemacht, dass ich ihr gehöre und sie bei uns einzieht.

Nach 8 Wochen haben wir dann Deva (ich habe nur einen Buchstaben beim Namen ausgetauscht – Devas sind Naturgeister) in ihre neue Heimat nach Österreich geholt. Das Herz klopfte mir bis zum Hals, als ich Deva vor Sophie auf den Boden setzte. Was war, wenn ich die falsche Nachfolgerin gebracht hatte? Einstein war ja schon happy mit der Kleinen, sie kannten sich mittlerweile bereits fast 700 km. Aber meine stolze, unabhängige Sophie?

Irgendwie sah ich die Situation in Zeitlupe. Den wedelnden Einstein, Hans der sehr aufpasste, dass ja nichts Schlimmes passiert, mich und natürlich Sophie. Die mittlerweile trüb gewordenen Augen von ihr, die sich blitzartig vergrößerten. Ihre Ohren, die sich drehten und ihre graue Schnauze, die – vielleicht bilde ich mir das ja auch nur ein – ein kleines, kaum wahrnehmbares Lächeln zeigte. Sophie knurrte nicht, sie war einfach nur unheimlich präsent vor dem Welpen. Deva guckte. Das war`s.

Völlig unspektakulär. Sophie mochte Deva nicht – sie liebte sie. Wochenlanges Rätselraten und Nachdenken für die Katz`.

Die nächsten Monate ging Sophie auf in ihrer Aufgabe, Deva bestmöglich auf ihr Leben mit mir vorzubereiten. Sie zeigte ihr Alles. Sophie blühte auf. Sie durfte Herdenschutzhund bis zuletzt sein. Deva nahm gierig die Informationen auf, testete und lernte.

Als Deva 8 Monate war, ging es Sophie rapide schlechter. Die Diagnose bestätigte, was mir mein Hund schon vor Monaten gezeigt hatte. „Krebs“, Lymphdrüsenkrebs im letzten Stadium. Meine Russin hatte bis zum Schluss dagegen angekämpft.

Sophie ist an einem idyllischen Platz im Garten begraben. Es wird für mich immer ein Geheimnis bleiben, was sie Deva alles beigebracht und gezeigt hat. Aber eines ist sicher: Deva nimmt ihre Aufgabe bzw. das Erbe sehr, sehr ernst. Aus der kleinen Diva ist mein Schatten geworden. Wo ich bin, ist sie nicht fern. Sie ist eine Seele von einem Hund mit einer riesengroßen Hundeseele.Wie heißt es in einem Austropop-Song: „Und schön langsam wachs` ma `z`samm“. (schön langsam wachsen wir zusammen…..).

Brigitta-Deva

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